Begleitmusik:http://www.youtube.com/watch?v=Ns9_A3CKqPM (Ob sie so perfekt zum Text passt, muss jeder für sich entscheiden, ich habe das jedenfalls beim Schreiben auf Dauerschleife gehabt)
Agroman bebte noch immer und kleine Energieblitze zuckten um ihn herum, als ob er unter Strom stehen würde.
Nur träge drangen Erias' Worte ob der enormen Ladung an Magie wirklich zu ihm vor, und nach einigen Sekunden begriff Agro erst wieder, was um ihn herum vor sich ging, warum er den Bogen in der Hand hatte, was die in brodelndem Magma glühende Pfeilspitze zu bedeuten hatte, warum er überhaupt noch lebte, ja existierte und sich nicht einfach in einer gewaltigen, finalen Explosion arkaner Macht auflöste und seine Überreste in alle Winde verteilt wurden, damit er von seinem Delirium erlöst war.
Doch urplötzlich durchzuckte ihn dank Erias' menschlicher Stimme ein unerwarteter Moment der Klarheit, frei von seinem benebelten Zustand, ein Moment, in dem der Norn plötzlich wieder nur allzu genau zu wissen begann, warum er hier war und was er hier eigentlich tat, warum er hergekommen war, warum er nach wie vor hier war und nicht einfach floh, wie er es damals getan hatte.
Ein kurzer Blitzschlag, der durch sein verwirrtes Hirn zuckte, so kurz, so schnell wieder entschwindend, ihn in seinem vegetativen, unfreiwillig machthungrigen Magie-Rausch hilflos zurücklassend....
NEIN! Das durfte nicht passieren, sonst war alles verloren, alles, auf ewig.
Agroman Donnerbogen stemmte sich mit aller Gewalt geistig gegen die arkane Macht an, klammerte sich an den Moment der Klarheit, verbiss sich darin wie ein tollwütiger Hund im Knöchel eines Kindes, das ihn geärgert hatte. Nur dass der sonst so tobsüchtige Bogenfanatiker gerade nicht mehr wütend war... er fürchtete darum, den Verstand zu verlieren, wenn er ihn nicht bereits verloren hatte, an arkane Magie, eine Kraft, der er in dieser Welt immer kritisch gegenüber gestanden hatte und die doch so einen Einfluss auf ihn üben konnte.
Nein, nein, nein, nein.... er war ein Norn, ein Wanderer der Zittergipfel, stur und ungebrochen, Agroman Nh der Vierte, der Donnerbogen, der Kriegslangengroßmeister, dessen Pfeile einer Naturgewalt gleichen. Das durfte nicht sein Ende sein.
Während der Norn-Bogenmeister sich innerlich quälte, konnte man ihm seinen mentalen Kampf auch äußerlich förmlich aus dem Gesicht lesen.
Und so schaffte er es, sich in einen Zustand völliger Konzentration zu versetzen. Die arkanen Stürme um ihn herum flackerten auf und flossen dann auf für alle sichtbar einmal viel langsamer, wie in Zeitlupe, als würden sie in ihrem Fluss aufgehalten werden.
Mit purer Sturheit bezwang Agroman sein Joch, breitbeinig dastehend, heruntergekommener denn je, aber auch furchteinflößender denn je aussehend.
Er vernahm die Worte Shakurs, aber ohne nochmals einen Seitenblick auf den Sylvari oder irgendeinen der anderen Leute zu werfen.
"Fünf Minuten?", knurrte der Norn-Bogenschütze tief grollend, während er den Bogen anhob und sein Ziel in den gnadenlosen, durchbohrenden Blick seiner Adleraugen fasste.
Immer weiter und weiter stieg der gigantische Eisgreif am Himmel auf, mit kräftigen Flügelschlägen, die die Luft durchwirbelten wie ein Löffel den Tee in einer Tasse umgerührt hätte und gewaltige Windstöße verursachte. Aleksander Suburb war dort oben kaum noch zu erkennen, so winzig wirkte seine baumelnde Gestalt neben dem eisigen Ungetüm.
"Wir haben... keine... fünf... Minuten.", brachte Agroman stoßweise atmend hervor. Dann begann er, seinen gewaltigen, langen Kriegsbogen zu spannen. Wie immer stemmte er kräftig gegen den massiven Bogenstab, während er gleichzeitig mit den drei über sein ganzes Leben hinweg abgehärteten Sehnenfingern seiner Zughand an der Sehne zog und die ganze Stärke seines zugbelastungserprobten Oberkörpers in das Spannen der gewaltigen Zugstärke legte, bis er sich fast in den Bogen 'hineingelegt' hatte und die Sehne bis ans Ohr gebracht hatte.
Das Spannen seiner vertrautesten aller Waffen war für ihn in dieser Lage ein sehr seltames Gefühl. Einerseits ging es durch die arkane Stärkung ungewohnterweise etwas eichter als sich die brachiale Waffe sonst spannen ließ, doch insgeheim spürte er auch, dass sein malträtierter Körper dadurch nur umso mehr belastet wurde als sonst.
Agroman war so auf seine Aufgabe konzentriert, dass er gar nicht mehr bemerkte, wie Shakur abhob und gen Himmel raste.
Doch der Norn musste sich auch am Boden verbleiben konzentrieren, noch war es nicht vorbei. Der Sockel der Pfeilspitze berührte die dicken Fellwickel, die er zum Hitzeschutz um seinen Bogen geschlagen hatte. Die unglaubliche Magmahitze des Zerstörerkerns spürte Agroman so nur als gedämpftes, warmes Kribbeln am Handrücken, da er ebenfalls einen Handschuh an der Bogenhand trug und ihm zusätzlich noch die Felle darüber hingen.
Der Blick Agromans war fest auf den fliegenden Eis-Greifen gerichtet, während er der Flugbahn des Ungetüms mit dem Bogen folgte.
'Nie hast du mich je enttäuscht, Panzerknacker.', bedachte er seinen geliebten Kriegsbogen in Gedanken. 'Und ich habe mich bemüht, deiner würdig zu sein. Enntäusche mich auch dieses Mal nicht, genauso wie ich mich deiner mit einem sauberen Ablass, einem starken Schuss und einer punktgenauen Ausrichtung als weiterhin würdig erweisen will.'
Sein Blick flog die Unterseite des drachenartigen Ungetüms, das er in den Fokus fasste, entlang. Die Zeit verging für ihn in Gedanken in Zeitlupe, doch seitdem er innerlich wieder zu sich gekommen war und den Bogen gespannt hatte, waren nur wenige Sekunden vergangen. Kein guter Schütze, der etwas auf sich hielt, hielt einen Holzbogen mehr als ein paar Sekunden im Vollauszug.
Schließlich fixierte er eine geeignete Stelle an der unteren Seite der Eiskruste. Nirgends hatte irgendetwas die Kruste an der Unterseite völlig durchschlagen, nur auf dem Rücken des Greifen, wo Aleksander hing, war das gelungen, doch am noch immer in Eis gekrusteten Greifenbauch fixierten seine Augen eine Stelle direkt über dem Herzen des Greifen, an der sowohl Merles Flamenwerfer Schmelzarbeit geleistet als auch Veldorns Panzerbatallion einen Treffer gelandet und die Kruste mit Rissen und kleinen Spalten überzogen hatte.
'Besser als nichts.', waren Agromans letzte Gedankengänge dazu, während er den Bogen angemessen vorhielt und in Sekundenschnelle Flugbahn und -geschwindigkeit des Greifen aus purer Intuition abschätzte.
Schließlich löste sich seine Zughand und gab den Schaft des Zerstörerkern-Pfeils frei. Der riesige, starke Kriegsbogen schmetterte den großen, schweren Pfeil mit brutaler Wucht davon, während er Agroman einen vertrauten Ruck durch den Oberkörper jagte.
Der Kriegslangbogengroßmeister grinste gerade noch zufrieden und selbstsicher - dann gab es aus dem Nichts heraus eine krachende arkane Explosion in allen grellen Farben der Magie, mit dem im arkanen Glanz kaum noch erkennbaren Norn in ihrem Epizentrum. Eine mächtige, blaue Druckwelle ergoss sich über die Umgebung, als sich die gesamte angesammelte magische Energie auf einen Schlag entlud, so überraschend, dass sie alle im Umfeld befindlichen Individuen, besonders die Aufladungsmagier, umreißen würde, wenn diese unvorbereitet waren.
Der riesige Nornbogenschütze Agroman Donnerbogen wurde samt seinem Bogen und den dicken, klappernden Pfeilbündeln wie eine erschlaffte Strohpuppe rückwärts durch die Luft aus dem Epizentrum der Entladung und gut zwangzig Meter weiter hinten in den Schnee geschleudert, wo er reglos liegen blieb, während die Druckwelle alle anderen im Umfeld überrollte.
******
Immer höher und höher raste der Pfeil in den Himmel, ungebremst, frei, mit voller Kraft des riesigen Kriegsbogens abgeschossen, den tosenden Wind durchteilend, die Höhe suchend.
Die arkane Ladung war mit dem Schuss aus dem Geschoss entwichen, doch jetzt glühte der Zerstörerkern an seiner Spitze, das grellorangene Magma drängte gegen die von Rissen geprägte Oberfläche des einstigen Herzens eines Zerstörers der Knochen, gelangte aber nicht nach außen. Was noch jedoch nach außen gelangte, waren grelle heiße Flammen, und als der Flugwind diese nach hinten drückte, wurde der Pfeil in einen Schweif aus Höllenfeuer gekleidet, sodass er aussah wie ein in die falsche Richtung fliegender Komet.
Das Zerstörerfeuer fraß sich in das Holz und die Befiederung des Schaftes, brannten alles weg, bis alles fort war und nur noch die Spitze des Pfeils dahinraste. Dann schmolz das Feuer auch den Stahlsockel der Spitze, ließ das asurjsche Magie-Messgerät halb zerschmolzen abbplatzen und in die Tiefe trudeln, während nur der Kern allein noch in der Luft war und unbeirrt weiter flog, einem kleinen Feuerball gleich, während die Flammen noch grell aufbrausten, doch schon langsam und kaum merkbar wieder zu erlöschen begannen.
Dann legte sich ein gigantischer Schatten über das Geschoss, als sich seine Flugbahn mit der des Eis-Greifen traf, mit erstaunlicher Genauigkeit auf die anvisierte Stelle zuflug - und rasant und markant knirschend genau in einer der Spalten im Eis verschwand, sich wuchtig tief ins Fleisch und schließlich bis ins Herz fraß...
Noch zwei mächtige Flügelschläge tat der Eis-Greif, bevor sich seine in Frost gekrusteten Augen weiteten und seinem gigantischen Schnabel ein weithin über die Ebenen schallender Todesschrei entfleuchte.
Dann senkte der etliche Tonnen schwere Leib der Kreatur sich abwärts und sackte in die Tiefe.